Kategorie » Theater/Tanz

Vereinte Nationen

Österreichische Erstaufführung
Von Clemens J. Setz
Anton und Karin haben eine wunderbare Tochter. Die kleine Martina, sieben Jahre alt, ist wie jedes Kind in der Lage, authentisch ihre Gefühle zu zeigen. Und im Internet gibt es dafür einen Markt, der sich an auf Video aufgezeichneten Situationen delektiert, in denen das Kind weint, trotzt oder tobt. Die Kunden sind bereit, für eine „Natural-Szene“ – also eine auf natürliche Weise entstandene Konfliktsituation aus dem Familienalltag – 30 Euro auf den Tisch zu legen. Bald jedoch bekommt der denkbar einfach herstellbare Nebenerwerb eine problematische Dynamik: Nicht nur wird die Versöhnung mit dem Kind nach jeder Videoaufzeichnung mühsamer, auch der Vater leidet zunehmend unter den Manipulationen der Tochter. Aber gleichzeitig entwickelt der Markt, in dem Martina zum gefragten Star wird, eine immer gierigere Nachfrage nach passgenauer Befriedigung spezieller Wünsche …

Die Fantasie über elterlichen Missbrauch, die zu den renommierten Mülheimer Theatertagen 2017 eingeladen wurde und damit den Grazer Literaturstar auch in Theaterkreisen an die Spitze beförderte, zitiert die Struktur der Pornoindustrie. Als eine der ersten Branchen entdeckten die Porno-Anbieter das Netz als Einkommensquelle. In den Boom-Jahren setzte die Industrie rund 40 bis 50 Milliarden Dollar im Jahr mit Videos und DVDs um. Davon sind Anton und Karin weit entfernt. Aber wie in der fantastischen Literatur spielt der Autor auch hier mit dem Schauer des Unwahrscheinlichen, aber Möglichen. Seit Beginn der Intendanz von Iris Laufenberg befindet sich das Schauspielhaus Graz in intensivem Austausch mit Clemens J. Setz, der für uns zwei Kurzstücke („Adolf Musger“ und „Leitgeb“) geschrieben hat; darüber hinaus wurde in der Regie von Alexander Eisenach die Bearbeitung seines Romans „Die Frequenzen“ zur Uraufführung gebracht. Thematisch bleibt er in seinem von der Kritik gefeierten Kosmos: Wie kaum ein Autor der Gegenwart kennt sich Setz in den Untiefen des Internets aus und ist in der Lage, diese mit geschliffener Alltagssprache und meisterhaften Dialogen an die Oberfläche zu bringen.

Regisseur Mathias Schönsee, der in den vergangenen Spielzeiten so unterschiedliche Stücke wie „Der Mondmann“ nach dem Bilderbuch von Tomi Ungerer, „Johnny Breitwieser“ von Thomas Arzt und „Benefiz“ von Ingrid Lausund realisierte, wird dieses psychologisch fein ziselierte Stück inszenieren.

REGIE Mathias Schönsee
BÜHNE und KOSTÜME Helke Hasse
DRAMATURGIE Jennifer Weiss

mit Mathias Lodd (Anton), Evamaria Salcher (Karin), Tamara Semzov (Tochter Martina), Franz Solar (Oskar) und Vera Bommer (Jessica, Oskars Freundin)
Termine
Premiere 30. September 2017, 20:00 Uhr
10., 19., 24., 31. Oktober 2017, 20:00 Uhr
3., 8. November 2017, 20:00 Uhr
Weitere Informationen
(c) Foto: Lupi Spuma
Veranstaltungsort/Treffpunkt